Mit dem ersten Leistungsmesser für die dritte Disziplin, scheint Stryd mit dem Powermeter den lang ersehnten Grundstein gelegt zu haben, wie es vor über 20 Jahren auch im Radsport geschah. Wir unterhielten uns mit den Erfindern und ließen uns das Gerät vorführen und erläutern…
Variablen wie Wind und Anstiege korrigieren
Was im Radsport für eine konstante Leistungseinteilung nicht mehr wegzudenken ist, will Stryd nun auch für das Laufen geschafft haben. Der Stein des Anstoßes zu dieser Problematik ist lange bekannt: Wind und Anstiege beeinflussen die Messgröße Pace. Für viele ist dies aber der einzige Anhalt um ein gestecktes Ziel zu erreichen. Die Herzfrequenz als Messgröße unterliegt noch größeren Variablen. Insbesondere auf den Langdistanzen reagiert das Herz auf Belastungsanforderungen, nach über sechs Stunden Anstrengung, anders, als es in einem fünf Kilometer Lauf der Fall ist. Hinzu kommt die Tagesform: Die Herzfrequenz am Tag X wird von der Aufregung genauso negativ beeinflusst wie durch mangelnde Flüssigkeitszufuhr. Sie ist damit als Messgröße ungenau. Kommen alle Variablen zusammen, passiert das, was es zu vermeiden gilt: Zu hohes Anfangstempo führt zum Leistungseinbruch am Ende. Eine Unterforderung der Leistung führt am Ende dazu, sich zu fragen, was hätte erreicht werden können…hätte, wenn und aber! Mit einer Größe, welche die Variablen nur bedingt einbezieht, aber dennoch einen messbaren Output in Form von Kraft berechnet, könnte das Optimum näher gebracht werden.
Im Trainingsmekka Boulder entwickelt
Die Entwicklung des Leistungsmessers ist den beiden Professoren Li Shang und Robert Dick aus Boulder/Colorado zu verdanken. Die Besonderheit ist nicht die Hardware, sondern die Software – also der berechnende Algorithmus. Stryd greift bei der Hardware unter anderem auf dreidimensional messende Beschleunigunssensoren zurück. Diese messen die Fliehkräfte, die bei einem Abdruck des Läufers entstehen. Hinzu kommen Sensoren für eine Winkelberechnung und barometrische Werte. Der mithilfe zahlreicher Athleten und Trainern entwickelte Algorithmus berechnet aus diesen Werten, in welchem Winkel die Fliehkraft unter bestimmten barometrischen Bedingungen wirkt und welche Wattzahl generiert wird. Das heißt, es ist egal, ob ich bergan oder im Gegenwind laufe, es muss eine Kraft erzeugt werden, um Vorwärts zu kommen. Die benötigte Leistung kann durch das Stryd konstant gehalten werden, ohne sich dabei an die Pace oder Herzfrequenz klammern zu müssen.
Leistungsbremse Muskelsteifheit
Ein weiteres Feature ist das Messen und die Angabe der Aufprallkraft (Impact). Diese kann zwar erst im Anschluss ausgelesen werden, bietet aber für Trainer einen großen Vorteil der Analyse. Hier kann neben der Schrittkadenz gesehen werden, ob eine Folgeverletzung durch einen schlechten Laufstil entstanden ist. Durch einen erhöhten Aufprall, beim Aufsetzen des Fußes, steigt aber nicht nur die Verletzungsgefahr, es erfordert auch eine Mehrleistung des Muskels. Zum einen um den Aufprall abzufangen, zum anderen um das erhöhte „Eintauchen“ wieder herauszubeschleunigen. „Muscel stiffness“, also die Steifheit des Muskels, ist ein leistungseinschränkender Faktor, da hier gegen die Erdanziehung gewirkt wird. Bei der Entwicklung des Stryd mithilfe von Toptrainern, wie zum Beispiel Bobby McGee, wurde dies analysiert und in die Entwicklung einbezogen.
Nahezu jeder Fehler analysierbar
In einem von Stryd beschriebenen Beispiel waren zwei Läufer, bei gleichem Leistungsgewicht, auf einem zehn Kilometer Lauf, mit drei Minuten Abstand im Ziel. Die anschließende Analyse zeigte die Muskelsteifheit als Ursache. Aber wer befasst sich so genau mit dem Zusammenspiel von „vertical bounce“, der Aufprallkraft, und „breaking force“, also der Kraftunterbrechung im Vortrieb? Dass es in solchen Fällen eines Trainers bedarf, scheint klar, aber auch, welches Potenzial das Stryd Powermeter zur Leistungsverbesserung und zum Aufstellen neuer persönlicher Bestzeiten zu haben scheint.
An bessere Laufeffizienz herantasten
Die errechneten Werte können dank ANT+ und Bluetooth zeitgleich an ein Smartphone oder eine Sportuhr gesendet werden. Durch das zeitgleiche Senden besteht so die Möglichkeit eines parallelen Coachings bei speziellen Einheiten. Ein großer Vorteil der Leistungsdaten in Echtzeit für den Athleten ist die unmittelbare Anzeige einer Änderung des Laufstils. Jede Körperhaltung, das Aufprallen des Fußes oder die Armbewegung, haben Einfluss auf den erforderlichen Krafteinsatz beim Laufen. So kann binnen Sekunden die Effizienz der Bewegung überprüft und korrigiert werden. Der erforderliche Automatismus durch Wiederholungen kommt so im Laufe der Zeit automatisch.
Nachholbedarf für Uhren
Leider unterstützen aber nicht alle Uhren die Funktionen einer Leistungsanzeige im Laufmodus. Auch die XT-Reihe der Garmin nicht. Hier bleibt momentan leider nur das Ausweichen auf den Radmodus. Nachteil dabei ist zum einen das Fehlen einer Pace Anzeige, zum anderen die falsche Berechnungsgrundlage der Herzfrequenz zur Ermittlung der verbrauchten Kalorien. Der Algorithmus bei Garmin scheint hier ein anderer zu sein. Ließen bei Laufeinheiten gleicher Länge und Herzfrequenz aber unterschiedlicher Kalorienverbrauchswerte Rückschlüsse auf einen eventuell auftretenden Infekt oder Übertraining zu, wird es schwerer das im Radmodus zu erkennen. Wir vermuten hier ein differenziertes Einbeziehen der Herzratenvariabilität (HRV).
Es funktioniert!
In einer Live-Demonstration zeigten uns die Hersteller die Anzeigen an einer Garmin 920XT und einer Suunto Ambit 3 während eines Laufintervalls auf dem Laufband. Eine Änderung des Laufstiles von „geschmeidig“ auf „rabiat“ bei jedoch gleicher Pace, hatte eine Änderung der Leistung von gut 30 Watt zur Folge! In einem Wettkampf kann dies der entscheidende Vorteil sein. Für Laufeinheiten auf dem Laufband bedarf es allerdings technisch guter Läufer. Denn die Zwangshaltung des Athleten durch die Bauart des Gerätes wird, in den meisten Fällen, eher nicht auf einen Lauf im Freien übertragbar sein.
Nutzerfreundlich und zukunftssicher
Der Pod selbst ist klein und leicht und sollte am Bund der Laufhose getragen werden. Hier liegt der Mittelpunkt der wirkenden Kräfte und so kann eine Streuung der gemessenen Daten möglichst klein gehalten werden. Denn eine Streuung gibt es, wie Prof. Li Shang nicht ausschließt: „Die Daten der Athleten sind im Gegensatz zu einem mechanischen Teil, wie dem Fahrrad, zu unterschiedlich um einfach nur ein paar Variablen zu setzen. Unser Algorithmus ist aber sehr genau und hält eine Streuung gering, wie Tests auf Laufbändern in einem Labor beweisen“. An diesem Punkt knüpfen aber die Entwickler an – eine stetige Verfeinerung des Algorithmus, welche dann mittels eines Softwareupdates an bereits ausgelieferte Geräte geleitet wird. Ebenfalls problemlos ist die Verwendung einer selbst wechselbaren CR2032 Knopfzelle als Batterie.
Eines der erfolgreichsten Unternehmensstarts
Die App für das Smartphone gibt es bei Kauf übrigens kostenlos und ohne Folgekosten, genauso wie die Uploadmöglichkeit auf eine eigene Trainingsplattform. Zur Verwendung der gewonnenen Daten in Programmen wie Trainingspeaks oder Strava, werden diese in den normalen Datenformaten generiert. Das Unternehmen startete Anfang März in Kickstarter, einer Crowdfunding-Plattform, und benötigte 50.000 Dollar um den Sprung in die Produktion zu schaffen. Nach gerade einmal 10 Tagen erzielte das Unternehmen aus Boulder/Colorado mit über 200.000 Dollar eine der erfolgreichsten Kickstarter Kampagnen. Die ersten Einheiten werden im Juli 2015 ausgeliefert. Wir sind in Zusammenarbeit mit Sportwissenschaftler und Trainer (u. a. von Christian Kramer) Ben Reszel, die ersten, die ein solches Gerät zum ausführlichen Langzeittest in den Händen halten werden.